Reiner Klimke, den viele im Reitsport einfach als Dr. Klimke kennen, steht für eine seltene Mischung aus sportlicher Größe und nüchterner Ausbildungskultur. Ich lese sein Vermächtnis nicht nur als Medaillensammlung, sondern als praxisnahen Leitfaden für Dressur, Vielseitigkeit und den Aufbau junger Pferde. Genau darum geht es hier: wer er war, was seine Erfolge besonders macht und welche Grundsätze heute noch wirklich tragen.
Die wichtigsten Punkte zu Reiner Klimke in Kürze
- Reiner Klimke begann in der Vielseitigkeit und wurde später zur Dressur-Ikone mit weltweiter Strahlkraft.
- Seine olympische Bilanz liegt bei 6 Gold- und 2 Bronzemedaillen; dazu kamen zahlreiche WM- und EM-Erfolge.
- Sein Stil beruhte auf Klarheit, Geduld, Respekt und sauberer Gymnastizierung statt auf spektakulärem Druck.
- Cavaletti und Grundausbildung waren für ihn keine Nebensache, sondern ein Kern der Pferdeentwicklung.
- Für heutige Reiter ist sein Ansatz vor allem dann wertvoll, wenn junge Pferde stabil, gesund und verständlich aufgebaut werden sollen.
Wer Reiner Klimke im Reitsport wirklich war
Geboren 1936 in Münster, verband Klimke Sport mit einem anspruchsvollen Berufsleben als Jurist. Das macht ihn aus meiner Sicht bis heute interessant: Er war kein Reiter, der nur auf den großen Auftritt zielte, sondern jemand, der Training in klare Routinen, Verantwortung und Wiederholbarkeit übersetzte. Erst kam die Vielseitigkeit, dann die Dressur auf höchstem Niveau.
Schon dieser Weg erklärt viel von seiner Haltung. Wer aus der Vielseitigkeit kommt, lernt früh, dass Pferde nicht nur im Viereck funktionieren müssen, sondern unter Belastung, im Gelände und in wechselnden Situationen verlässlich bleiben sollen. Genau deshalb wirkte Klimkes Arbeit selten künstlich oder überzogen. Sie war auf Tragfähigkeit angelegt, nicht auf kurzfristigen Effekt.
Sein Name hängt außerdem eng mit Münster, Westfalen und einer ganzen Generation hochklassiger Ausbildungsarbeit zusammen. Dux, Mehmed und Ahlerich sind dabei nicht bloß Pferdenamen, sondern Markierungen einer Karriere, die sich über Jahrzehnte hielt, ohne an Substanz zu verlieren. Diese Dauerleistung ist der eigentliche Grund, warum sein Ruf nicht verblasst ist.
Im nächsten Schritt lohnt sich der Blick auf die Resultate, denn gerade dort wird sichtbar, warum Klimke weit mehr war als nur ein erfolgreicher Turnierreiter.

Seine größten Erfolge und die Pferde dahinter
Wer Klimke nur über die olympische Bilanz kennt, bekommt schon ein außergewöhnliches Bild: 6 Gold- und 2 Bronzemedaillen bei Olympischen Spielen sind im Reitsport eine Ausnahmeleistung. Noch bemerkenswerter ist für mich, dass diese Erfolge nicht an ein einziges Ausnahme-Pferd gebunden waren, sondern an mehrere Partner über viele Jahre hinweg.
| Jahr | Pferd | Ergebnis | Warum es zählt |
|---|---|---|---|
| 1964 | Dux | Mannschaftsgold | erster großer olympischer Durchbruch in der Dressur |
| 1968 | Dux | Mannschaftsgold, Einzelbronze | zeigt frühe Konstanz auf höchstem Niveau |
| 1976 | Mehmed | Mannschaftsgold, Einzelbronze | bestätigt, dass sein System auch mit einem anderen Pferd trug |
| 1984 | Ahlerich | Mannschaftsgold, Einzelgold | der sportliche Höhepunkt und ein Klassiker der Dressurgeschichte |
| 1988 | Ahlerich | Mannschaftsgold | Beweis für außergewöhnliche sportliche Langlebigkeit |
Dazu kamen Welt- und Europameistertitel. Dass Klimke seine Pferde nicht nur ritt, sondern systematisch selbst ausbildete, macht die Bilanz noch stärker. In der Familie wird beschrieben, dass er mehr als 40 Pferde bis zur Grand-Prix-Reife gebracht habe. Genau das unterscheidet eine Legende von einem bloßen Medaillensammler: Der Erfolg wiederholt sich, weil das Fundament stimmt.
Für mich ist das der Punkt, an dem aus Geschichte praktische Relevanz wird. Wer verstehen will, wie saubere Ausbildung funktioniert, muss nicht nur auf Titel schauen, sondern auf die Art, wie sie entstanden sind.
Warum seine Ausbildung bis heute funktioniert
Der eigentliche Kern ist erstaunlich schlicht: Klimke arbeitete an den Grundlagen, bevor er an die große Form dachte. Takt, Losgelassenheit, Balance und Durchlässigkeit kamen zuerst. Das klingt unspektakulär, ist aber genau der Punkt, an dem viele Reiter zu früh abbiegen und dann mit Spannung, Widerstand oder schiefer Anlehnung bezahlen.
Ich würde diese Reihenfolge nie umdrehen. Wenn ein Pferd eine Lektion nur mit Spannung, Widerstand oder kleinem Kampf „schafft“, entsteht keine echte Ausbildung, sondern Kompensation. Klimkes Ansatz passt deshalb so gut zu moderner Pferdehaltung und gesundem Training: Er behandelt das Pferd als Partner, nicht als Maschine.
- Takt ist die gleichmäßige, unverfälschte Bewegung ohne Hektik.
- Losgelassenheit bedeutet einen schwingenden Körper und einen ruhigen Kopf.
- Anlehnung ist ein elastischer, ruhiger Kontakt zur Hand, kein Ziehen am Zügel.
- Versammlung heißt mehr Lastaufnahme von hinten, nicht einfach langsamer zu werden.
Wenn diese Begriffe sauber verstanden werden, wirkt Klimkes Arbeit plötzlich sehr modern. Er suchte nicht den schnellen Effekt, sondern eine belastbare Qualität, die sich im Grand Prix ebenso zeigt wie beim jungen Pferd. Und genau dort wird die Cavalettiarbeit interessant, weil sie diese Qualitäten sichtbar macht.

Cavaletti und Grundausbildung für junge Pferde
Gerade in der Cavaletti-Arbeit sieht man, wie praktikabel Klimkes Denken war. Kleine Bodenricks und Stangen sind keine Spielerei, sondern eine präzise Gymnastik für Rücken, Bauchmuskulatur, Rhythmus und Konzentration. Ich setze solche Übungen dann ein, wenn ein Pferd noch lernen soll, seinen Körper klarer zu organisieren, ohne sofort unter Druck zu geraten.
| Übung | Richtwert | Wofür sie gut ist |
|---|---|---|
| Schrittstangen | 0,80 bis 1,00 m | Takt, Aufmerksamkeit, Balance |
| Trabstangen | 1,20 bis 1,40 m | Rhythmus, Rückenarbeit, Gleichmaß |
| Galopp-Cavaletti | 2,70 bis 3,20 m | Sprungmaß, Tragkraft, Koordination |
Das sind Startwerte, keine starren Vorgaben. Stockmaß, Gangmaß und Ausbildungsstand verändern die Abstände deutlich. Ein Pony braucht andere Linien als ein großes Warmblut, und ein junges Pferd braucht mehr Geduld als ein fertiger Sportler. Wenn ein Pferd in der Arbeit klemmig wird, stolpert oder den Rücken wegdrückt, passe ich zuerst die Übung an, statt mehr Energie hineinzuschieben.
- Für junge Pferde reichen oft 15 bis 20 Minuten konzentrierte Arbeit.
- Meist genügen 3 bis 4 Stangen, wenn die Übung sauber vorbereitet ist.
- Lieber 2 bis 3 gute Durchgänge als endloses Wiederholen.
- Wenn der Rücken fest wird, ist der Nutzen der Einheit oft schon vorbei.
Wichtig ist auch die Grenze: Cavaletti ersetzt kein Grundlagentraining. Wer Schmerzen, eine schlechte Sattelpassform, Zahnprobleme oder Hufunregelmäßigkeiten übersieht, bekommt aus keiner noch so guten Gymnastik einen sauberen Bewegungsablauf heraus. Klimkes Denkweise ist also nur dann stark, wenn sie mit Gesundheitskontrolle und ruhigem Aufbau zusammenkommt.
Von hier aus ist der Schritt zu den heutigen Trainingsfehlern klein, denn genau dort wird sichtbar, was man von seinem Ansatz übernehmen sollte und was man besser lässt.
Was heutige Reiter aus seinem Ansatz übernehmen sollten
Ich halte Klimkes Vermächtnis heute vor allem deshalb für wertvoll, weil es zwei klassische Fehler korrigiert: zu frühes Sammeln und zu viel Technik ohne echte Qualität. Wer ein junges Pferd heute sicher entwickeln will, braucht weniger Show und mehr Struktur. Genau da ist sein Denken hilfreich.
- Ein Ziel pro Einheit verhindert, dass Pferd und Reiter sich verzetteln.
- Klare Hilfen sparen Kraft, weil das Pferd schneller versteht, was gemeint ist.
- Kurze Pausen nach einer richtigen Antwort stabilisieren Lernen und Motivation.
- Variante statt Monotonie hält das Pferd mental frisch, etwa mit Stangenarbeit, Übergängen und Ausritten.
- Gesundheit zuerst ist keine Floskel, sondern die Voraussetzung für jede ehrliche Ausbildung.
Der wichtigste Kompromiss ist dabei banal und genau deshalb oft unbequem: Nicht jedes Pferd ist sofort für mehr Versammlung, mehr Präzision oder mehr Wiederholungen bereit. Wenn das Fundament fehlt, wird aus „feiner Arbeit“ schnell Überforderung. Ich schaue dann zuerst auf Rücken, Zähne, Hufe, Sattel und allgemeine Belastbarkeit, bevor ich die Lektion selbst infrage stelle.
So gelesen ist Klimkes Ansatz kein nostalgischer Stil, sondern ein sehr brauchbares Korrektiv gegen hastige Reiterei. Er fordert Disziplin, aber keine Härte. Das ist heute eher seltener geworden, nicht weniger wichtig.
Warum sein Einfluss im deutschen Reitsport weiterlebt
Der Einfluss bleibt spürbar, weil Klimkes Arbeit nicht an eine Mode gebunden war. Sie beruht auf einem Grundprinzip, das bis heute trägt: Pferde werden besser, wenn man sie verständlich, fair und systematisch ausbildet. Genau deshalb passt sein Erbe so gut zu moderner Pferdehaltung und gesundem Training.
Wer tiefer einsteigen will, findet in den Büchern Cavalletti und Grundausbildung des jungen Reitpferdes sehr praktische Ansätze, die auch außerhalb des Spitzensports Sinn ergeben. Ich halte diese Titel nicht für bloße Klassiker im Regal, sondern für brauchbare Werkzeuge für Reiter, die ihre Pferde über Jahre tragfähig entwickeln wollen. Auch die Reitkultur seiner Familie, vor allem über Ingrid Klimke, zeigt bis heute, wie lebendig dieser Ausbildungsstil geblieben ist.
Für mich ist das die eigentliche Lehre aus Klimkes Karriere: Große Reiterei beginnt nicht im Grand Prix, sondern in der sauberen, geduldigen Ausbildung. Wer das ernst nimmt, versteht sofort, warum sein Name im deutschen Reitsport bis heute Gewicht hat.